Finsternis
Novelle
veröffentlicht:
1896 Jugend, Münchner Illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben, 1. Jahrgang Heft Nr. 8 Hith Verlag München
Zusammenfassung
Während der Erzähler auf seinen Zug wartet trifft er auf einen Fremden. Dieser erzählt ihm, daß er die letzten zwei Jahre im Irrenhaus verbracht hat. In den Wahnsinn trieb ihn die Finsternis.
Entstehungsgeschichte
In seinen Selbstbetrachtungen schrieb Wassermann 1933: In die Öffentlichkeit trat ich mit einer kleinen Erzählung : Finsternis. Auch sie beruhte auf einem Erlebnis. Im Sommer des Jahres 1894 hatte ich mich obdachlos und ohne Geld im Schwarzwald herumgetrieben und mich eines Abends in der Nähe des Titisees im tiefen Wald verirrt; die Dunkelheit brach ein, völlige Schwärze umgab mich, in wachsender Angst, die pathologisch war und sich zum Gefühl der Todesgefahr steigerte, suchte ich einen Ausweg aus dem Grauen, denn mich einfach ins Moos zu werfen und den Anbruch des Tages abzuwarten, getraute ich mich nicht, die qualvollen Gesichte, die mir aus der Finsternis entgegentraten, ließen keine vernünftige Überlegung mehr zu. Dies und nichts weiter schilderte ich, nicht ganz ohne poetische Kraft, aber ohne Erhöhung, und daher blieb die Darstellung etwas plan und nüchtern. Unter Erhöhung verstehe ich die Loslösung vom Zufällig-Persönlichen und Privaten, die Versinnlichung auf einer andern Basis als der der gegebenen Wirklichkeit; jedoch davon ahnte ich zu jener Zeit noch wenig.
Ich sass an einem schönen Herbstabend fröstelnd im Wartsaal einer kleinen Station, einige Stunden nördlich der Stadt, als meiner Einsamkeit durch das Erscheinen eines breitschulterigen, muskulösen Fremden ein Ende bereitet wurde. Seufzend stellte der Ankömmling seinen Koffer auf einen der Tische und rieb sich die erstarrten Finger, während er mit schweren, wuchtigen Schritten auf und ab ging. Ich fand es leicht, mit dem Fremden ein Gespräch anzuknüpfen, und da ich mich gelangweilt hatte, war mein Benehmen um so liebenswürdiger. Person und Wesen meines neuen Bekannten schienen mir den Stempel der Nüchternheit und Alltäglichkeit zu tragen; aber bald fiel mir in seinem Mienen- und Geberdenspiel jene Nervosität auf, die man sonst nur bei Künstlern findet … weiter
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